„Case Projekt“ in Wanderath/Eifel

„Team Wallraff“ dokumentiert auf RTL Missstände in der Psychiatrie

Kölnische Rundschau • 18. März 2019


Nach Hinweisen von Zuschauern und ehemaligen Patienten dokumentieren Journalisten untragbare Zustände in psychiatrischen Einrichtungen.
Bei ihren mehr als einjährigen Undercover-Recherchen erleben die Reporter in mehreren Häusern zum Teil haarsträubende Missstände bei der Betreuung und Behandlung von Bewohnern.


„Es ist bisher noch nie in dieser Massivität versucht worden, die Sendung im vorhinein zu verhindern. Aber wir senden – jetzt erst recht!“
Das sagt der Kölner Enthüllungsjournalist Günter Wallraff (76) über die neueste Ausgabe seiner Sendung „Team Wallraff“, die am Montagabend bei RTL ausgestrahlt wurde.

Wanderath in der Eifel, nur wenige Minuten vom Nürburgring entfernt. Hier bekommt die Diplom-Pädagogin und Reporterin aus dem „Team Wallraff“ eine Anstellung auf Probe. Bereits nach wenigen Stunden versucht ein 13-Jähriger vor ihren Augen aus dem Fenster zu springen. Etwa dreieinhalb Meter tief. Ein anderer Jugendlicher kann ihn davon abhalten, wie die Aufnahmen zeigen.

Anschließend flüchtet der 13-Jährige aus dem Gebäude – ohne, dass das Personal etwas mitbekommt. In einer Stllungnahme der Leitung der Einrichtung heißt es dazu: „Aufgrund der intensiven Betreuung kann ausgeschlossen werden, dass ein Minderjähriger die Einrichtung ohne Abmeldung verlässt oder das nicht sofort bemerkt wird.“ Sonst werde umgehend eine Vermisstenanzeige aufgegeben.

Der 13-Jährige wird später von der Polizei zurück gebracht. Während alle anderen am Mittag eine warme Mahlzeit bekommen, darf er nur eine Scheibe Brot essen. „Schockierend und unqualifiziert“, urteil der Experte Dr. med Edelhard Thomas, Kinder- und Jugendpsychologe.

Einrichtung in der Eifel bestreitet die Vorwürfe

Noch schockierender laut den Recherchen: Der „Deeskalationsraum“. Ohne Tages­licht, ohne Toilette, und ohne Videoüberwachung. Nur durch ein Guckloch können die Betreuer bei geschlossener Tür kontrollieren, ob noch alles in Ordnung ist. Der heute 18-jährige Informant Justin erzählt Günter Wallraff, dass auch er mehrfach in diesem Raum gewesen sei. Der Raum sei schallisoliert gewesen. „Ich hätte mich auch auf gut Deutsch umbringen können, die (Betreuer, d. Red.) hätten das nicht mitbekommen“, so Justin.

Die Einrichtungsleitung bestreitet auf Nachfrage der Sendung, dass Jugendliche in diesem Raum eingesperrt werden. Er sei auch nicht schallisoliert. Doch ein weiterer Undercover-Reporter beweist offenbar das Gegenteil. Daraufhin heißt es, der Klient suche Ruhe und: „(...) diesen Raum zu diesem Zweck auf eigenen Wunsch über mehrere Tage immer wieder nutzt“. (sku)

Die Betriebserlaubnis für die Jugend- sowie Erwachseneneinrichtung in Wanderath wird der „Case Project“ GmbH entzogen.

Ausstrahlung der Sendung sollte verhindert werden

Die Journalisten treffen bei ihren Recherchen offensichtlich auf verzweifelte und traumatisierte Menschen und können beobachten, wie das Personal an seine Grenzen kommt.
Sie dokumentieren mehrfach Fälle von Überbelegung und beobachten Zeuge, wie Betroffene auch aus disziplinarischen Gründen auf dem Flur schlafen müssen und einzelne Patienten gegen ihren Willen anscheinend heimlich Medikamente verabreicht werden. Auch die rechtlich zweifelhafte Methode der Fixierung von Patienten bekommen sie mit.

Für ihre Recherchen bekommen die Reporter jede Menge Gegenwind. „Nie zuvor wurde die Redaktion im Vorfeld einer Sendung mit so vielen Abmahnungen und anderen juristischen Androhungen überzogen, um die Ausstrahlung der Reportage zu verhindern“, teilte RTL vor der Ausstrahlung mit. Die Rechtsabteilung des Kölner Senders zählte bis zum Mittag des Ausstrahlungstages am Montag insgesamt 26 Eingaben.