D er böse Wolf hatte die Großmutter gefressen und wartete nun auf einen zarteren Happen - Rotkäppchen. Das Mädchen aber schöpfte Verdacht...

Mit solchen und ähnlichen Grusel-Märchen erschreckten die Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert kleine Kinder.
Bei einem Sötenicher hat die Geschichte wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen, zumindest hat er sich davon zu seiner Verteidigungsstrategie in einem Mordprozess inspirieren lassen.
Übrigens mit Erfolg: Er landete nicht hinter Gittern, sondern in der Psychiatrie.

Rotkäppchen

Schock in Sötenich

Ende Oktober 2019 verbreitet sich die Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer:
In dem kleinen Eifeldorf, einem Ortsteil von Kall, hatte es einen Mord gegeben - schon wieder!
Ein paar Jahre zuvor hatte der Chef des lokalen Autohauses einen Kumpel im Keller der Werkstatt erschossen und war für die Tat später vom Landgericht Aachen zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Der Täter war beliebt gewesen in Sötenich, und so halfen ein paar Freunde und Bekannte bei der Beseitigung der Leiche. Der WDR hat später eine Dokumentation darüber gedreht.

Auf die Hilfsbereitschaft seiner Nachbarn und Verwandten konnte der 27jährige aber nicht zählen, nachdem er seine 76jährige Großmutter nach einem Streit in der Küche erschlug.
Als die Polizei am Tatort ankam, traf sie den verwirrten Täter mit Blutspuren an seiner Kleidung auf der Straße an. Er ließ sich widerstandslos festnehmen, wurde zunächst in Untersuchungshaft gebracht, später dann in die Psychiatrie.

Der Mann hat noch bei seinen Eltern gelebt und war drogensüchtig. Mit 16 hatte er angefangen, Cannabis-Produkte zu konsumieren, von 2018 an auch Kokainblätter.
Seit einem Jahr steigerte er sich nach eigener Aussage in den Wahn, seine Großmutter wolle ihn vergiften. Zwei Tage vor der Tat war er nackt in den Wald gelaufen, auf Grund seines Verfolgungswahns: „Vor der Oma hatte ich am meisten Angst.“

Wer hätte gedacht, dass man vor deutschen Gerichten im 21. Jahrhundert mit einer abgewandelten Geschichte aus dem Grimm'schen Märchenschatz noch durch­kommt?

Forensik

Schuldunfähig

Das Landgericht Aachen hat am 12. März 2020 die Entscheidung zur Ermordung einer 76-Jährigen in Kall-Sötenich verkündet. Ihr 28-jähriger Enkel wird in einer forensischen Psychiatrie untergebracht.
Auslöser des Verbrechens war nach Ansicht des Gerichts der Verfolgungswahn des Täters: Der 28-Jährige fühlte sich von seiner Großmutter bedroht und hatte befürchtet, dass sie ihn vergiften oder ihm Glas ins Essen mischen wollte.
Ursache für diese Wahnvorstellungen war nach Überzeugung der Kammer eine psychische Erkrankung des Mannes, der auch immer wieder Drogen konsumiert hatte. Die Richter gingen deshalb von seiner Schuldunfähigkeit aus.
Weil sie ihn weiterhin für gefährlich halten, haben sie die Einweisung in eine Forensik beschlossen.


*** Sötenich ***

ist ein Ortsteil der Gemeinde Kall, hat etwa 1.000 Einwohner und wurde zu Zeiten der Römer unter dem Namen „Suetoniacum“ gegründet. Eine 2.000jährige Geschichte ist für die Eifel noch nicht einmal etwas Besonderes.

Zu Fuß erreichen die Sötenicher den Kaller Bahnhof in einer viertel Stunde und von dort aus mit dem Zug den Kölner Hauptbahnhof in 60, Trier in 100 Minuten – wirklich abgelegen ist das Dorf also nicht.

Sötenich Panorama

Zu den touristischen »Highlights« zählen die Reste der römischen Wasserleitung, die Köln mit frischem Eifelwasser versorgte, und die Ruine der Stolzenburg, oberhalb des Urfttals am Römerkanal-Wanderweg gelegen.

Das auffälligste Bauwerk in Sötenich ist allerdings das alte Zementwerk, das in den letzten Jahren mehrfach den Beisitzer gewechselt hat und nur noch eine Handvoll Arbeitsplätze bietet.