K all, Bahnhofstraße, 2 Uhr nachts. Der dumpfe Knall einer Explosion erschüttert die zweigeschossigen Häuser, gleich darauf splittert Glas.
In einem Schlafzimmer schaltet jemand das Licht ein. "Diese verdammten Marokkaner, nicht schon wieder! Hoffentlich schnappen sie sie dieses Mal, man kommt ja nicht mehr zu seinem ruhigen Schlaf!"

In der Statistik der grenzübergreifenden Schwerkriminalität hat sich die Eifel auf einen der vorderen Plätze geschoben, allerdings nicht in Bezug auf die Herkunft der Täter, sondern als Region der Opfer, in diesem Fall der Betreiber von Geldautomaten.
Wie bei den eher klassischen Disziplinen - Mord & Todschlag, Brandstiftung - ist auch hier die Gemeinde Kall absoluter Spitzenreiter in der Region. Die Postbankfiliale in der Bahnhofstraße war inzwischen ein halbes Dutzend mal Ziel der Anschläge - Wiedersehen macht Freude!

Ein Berufsbild im Wandel

Den Bankräuber à la Bonnie & Clyde sieht man immer seltener bei der Arbeit: Aug' in Aug' mit dem Kassierer, mit gezogener Knarre und Wollmaske im Gesicht.
Überzogene Sicherheitsvorkehrungen wie Überwachungskameras und Zeitschlösser für die Bargeldbestände haben das Berufsbild grundlegend verändert. Kenner der Branche sehen jetzt überwiegend verzweifelte Einzeltäter, die den alten "modus operandi" noch pflegen. Oft aus einer spontanen (finanziellen) Notlage heraus, schlecht vorbereitet und ohne die notwendige Qualifikation und Erfahrung.
Entsprechend gering sind die Erfolgsaussichten - die Polizei freut sich über eine Aufklärungsquote von über 90%.

Bankraub 2.0

Zum großen Bedauern der Boulevardpresse werden auch spektakuläre Brüche à la Rififi nur alle paar Jahre in Szene gesetzt und praktisch nie in der Eifel. Da muss erst aufwendig ein Tunnel zum Tresorraum gegraben werden, ohne dass es auffällt. Anschließend nehmen sich die Räuber das ganze Wochenende Zeit, um in aller Ruhe Tresor und Schließfächer aufzubrechen und leerzuräumen.

Der Planungsaufwand ist immens, es gibt immer eine Reihe von Mitwissern, und das Risiko, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch (DNA-)Spuren zu hinterlassen, unkalkulierbar.
Um wieviel einfacher ist da der nächtliche Blitzangriff auf einen Geldautomaten, auch wenn die "konspirative Geldübergabe" nur in etwa der Hälfte aller Fälle klappt?

Integration? Geht doch!

Ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende haben sich in den Niederlanden, vor allem im Großraum Utrecht und Amsterdam, Banden gebildet, die mit nächtlichen Überfällen auf Geldautomaten reiche Beute machen, vorzugsweise in der Eifel. Zeitweise werden die Automaten im Wochenrhythmus geknackt.

Dass Frau Antje aus Holland mit Käse und ihren Cousins Piet, Claas und Bram häufig in der Eifel unterwegs ist - auf schweren Motorrädern und im Campingmobil - daran haben sich die Eifler ja gewöhnt, aber als Automatensprenger?
Ganz so verhält es sich auch nicht. Wenn in einzelnen Fällen die Täter auf frischer Tat durch die Polizei gestellt werden, lauten ihre Vornamen Mahmout, Murat oder Zakaria.
Es handelt sich praktisch ausschließlich um Mitglieder arabischer Familienclans. Pardon, korrekt müsste es wohl heißen "Niederländer mit marokkanischem Migrationshintergrund".

Im Rahmen einer erfolgreichen Integration legen sie Wert darauf, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen, und befördern gleichzeitig - in den Niederlanden gibt es viel weniger Geldautomaten als in Deutschland - den grenzüberschreitenden Bargeldverkehr in der EU.
Wirtschaftswissenschaftler kritisieren allerdings bei diesem Geschäftsmodell, dass die Wertschöpfung letztlich zu 100% in den Niederlanden stattfindet, die Kollateralschäden aber in Deutschland auftreten.
Sie schlagen vor, in bilateralen Gesprächen auf Ministerebene zu einem fairen Ausgleich zu finden.

VR-Bank

Zugriff

Marmagen, ein Ortsteil der Eifelgemeinde Nettersheim und nur ein paar Autominuten von Kall entfernt, ist vielen Menschen durch seine Reha-Einrichtung bekannt geworden, der Eifel-Höhenklinik. In 40 Jahren wurden hier mehr als 150.000 Patienten behandelt, bevor das Unternehmen Ende 2019 Insolvenz anmelden musste.

Wesentlich unscheinbarer im Ortsbild integriert ist die VR-Bank, die sich weiterhin eines gewissen Zuspruchs erfreut, allerdings von eher unwillkommener Seite.
So hebeln am 15. Dezember 2020 gegen 03:45 Uhr zwei dunkel gekleidete Gestalten mit schwarzen Sturmhauben die Eingangstür auf, im Handgepäck eine Gasflasche und mehrere Schläuche. Sie stutzen kurz vor dem am Geldautomaten angebrachten Aufkleber. Dieser trägt in verschiedenen Sprachen - offenbar auch auf Arabisch - den Hinweis, dass der Automat gegen Gaseinleitungen gesichert ist.
Ohne ihre Tat umzusetzen, verlassen die beiden Männer die Bank. Den ganze Vorgang beobachtet ein Hausmeister und alarmiert sofort die Polizei.

Genau einen Monat später, am 15. Januar 2021, unternehmen die Räuber einen zweiten Anlauf, werden dabei aber von einer Zivilstreife erkannt und nach einer Verfolgungsjagd gestellt. Die drei Marokkaner sollen zur berüchtigten "Audi-Bande" gehören, die mit gestohlenen PS-Boliden aus Ingolstadt Überfälle im ganzen Bundesgebiet verübt haben.


*** Kall ***

dürfte sich im Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« nur geringe Chancen ausrechnen, zumindest was den Kernort angeht. Im Vergleich zu Monschau, Bad Münstereifel, Reifferscheid oder Kommern - um nur einige prominente Beispiele in der Nordeifel zu nennen - kann das Zentrum Kalls weder mit romantischen Fachwerk-Ensembles, noch mit Burganlagen aufwarten. Auch Top-Restaurants oder 4-Sterne-Hotels sucht man hier vergeblich, dafür gibt es das einzige McDonald´s weit und breit, viele Supermärkte und Discounter und eines der größten Möbelhäuser bundesweit.

Für Touristen deutlich interessanter sind die Außenorte der Gemeinde: Keine Discounter, aber diverse Hinterlassenschaften der Römer, darunter Reste der Wasserleitung nach Köln, Burganlagen in unterschiedlichem Erhaltungszustand und vor allem die "Eifelbasilika" in Steinfeld mit angeschlossenem Kloster, Hotel und Gymna­sium.

Lage ist nicht alles

Die - auf den ersten Blick - geringe touristische Strahlkraft verdankt Kall paradoxerweise seiner günstigen Verkehrslage: Der Ort war früher einmal so etwas wie der »Eisenbahn-Knotenpunkt« der Nordeifel mit der entsprechenden militärischen Bedeutung im ersten und Zweiten Weltkrieg. Das haben leider auch die alliierten Bomberflotten so gesehen und den Ort durch schwere Angriffe gegen Kriegsende beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Im »kalten Krieg« wurde auf Gemeindegebiet - und natürlich unter strikter Geheimhaltung - der atombombensichere Regierungsbunker der NRW-Landesregierung errichtet und später an eine Familie verkauft, die ihn als Dokumentationszentrum aufrechterhält und Führungen anbietet.

Sanfter Tourismus

Heute punktet Kall vor allem mit den Themen »Natur« und »Wandern«: Gelegen im Naturpark Nordeifel und angrenzend an den Nationalpark Eifel kreuzen das Gemeindegebiet eine Reihe von bekannten Wanderrouten, z.B. eine Etappe des »Eifelsteigs« (Aachen-Trier), der Römerkanal-Wanderweg (Nettersheim-Köln) und diverse andere Themen-Routen. Auch eine Vielzahl von Radwander- und Mountain-Bike-Strecken sind in Kall ausgewiesen, u.a. die Eifel-Höhen-Route und die Tälerroute.

Bewertung:   4,2/5  Tripadvisor

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